Westone ES 50 In-Ear-Monitore von Hearsafe, Foto: Hearsafe

Bereit, den Live-Sound der eigenen Band auf ein neues Level zu bringen? Dann ist In-Ear-Monitoring einen Blick wert!

Soll man den Schritt wagen und den Einsatz von Bühnenmonitoren verringern oder gar ersetzen? Für diesen Schritt gibt es viele Gründe: Laute Bühnenmonitore verursachen signifikante Störungen des Gesamtsounds und sind somit kontraproduktiv für einen ausgewogenen Sound.

Zu diesen Störungen zählen unter anderem eine erhöhte Gefahr von Feedbacks, Schallabstrahlungen in den Zuschauerbereich, die die Einstellung eines guten Sounds erschweren; und zusätzliche mögliche Phasenauslöschungen zwischen der Front-PA und dem Monitorsystem, sowie Übersprechungen zwischen den unterschiedlichen Mischungen für die Musiker auf der Bühne. Nicht zuletzt das eigene Gehör kann mit der Zeit unter lauten Monitoren leiden.

Der Wechsel von Bühnenmonitoren auf ein In-Ear-Monitoring-System (IEM) kann viele dieser genannten Probleme lösen und den Mix für den Musiker sogar verbessern. In-Ear-Monitoring-Systeme geben dem Musiker volle Kontrolle über die Lautstärke des Mixes, außerdem ist der Mix an jeder Stelle der Bühne vollkommen identisch, was ein großer Vorteil ist. Hier sind einige Tipps für die Verwendung von In-Ear-Systemen.

Herkömmliche Kopfhörer sind was für Kinder!

Die erste Regel für das In-Ear-Monitoring: Herkömmliche Kopfhörer bleiben zuhause. Betrachten wir nochmals den Hauptgrund für die Verwendung von In-Ear-Monitoring. Die Bühnenmonitore, die Backline und das Schlagzeug verursachen eine zum Teil extrem hohe Lautstärke auf der Bühne. Die Idee beim In-Ear-Monitoring ist es, diese Lautstärke zu dämpfen und anschließend einen geregelten Anteil der Signale ohrschonend einzublenden, um einen ausgewogenen Kopfhörermix zu haben – quasi wie Musik hören zuhause.

Man spricht von einem guten In-Ear-Monitoring, wenn die Stärke der Bedämpfung größer ist als der Pegel, der dem Ohr zugeführt wird. Dadurch ist die Lautstärke, die dem Gehör ausgesetzt wird, geringer als bei der Benutzung von Bühnenmonitoren. Kommen wir auf das Beispiel mit den herkömmlichen Kopfhörern zurück. Diese bieten, wenn überhaupt, nur eine minimale Isolation gegenüber externen Schalleinflüssen. Dadurch müsste der Kopfhörermix so laut eingestellt werden, dass die Lautstärke des Bühnensounds übertroffen wird. Eine so hohe Lautstärke kann gefährlich für das menschliche Gehör sein und sollte deshalb vermieden werden.

Shure-SE315-CL
Die vorgefertigten Shure-SE315-CL sind In-Ear-Kopfhörer für Einsteiger.

Es sollten Kopfhörer gewählt werden, die das Gehör gegen äußere Schalleinflüsse gut isolieren. Eine gute Isolation muss dabei nicht zwingend teuer sein. Es können sowohl mittelpreisige Kopfhörer mit einer moderaten Isolation, aber auch angepasste Kopfhörer mit einer hohen Isolation genutzt werden. Die Hauptsache ist, dass der Träger mit ihrem Job zufrieden ist.

In-Ear-Monitoring: Vorgefertigt vs. Angepasst!

In-Ear-Kopfhörer lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: vorgefertigte oder persönlich angepasste. Vorgefertigte Kopfhörer bewegen sich in einem Preisbereich von 50€ bis in einen hohen Bereich der ersten 1000€. Aber selbst In Ear-Kopfhörer für 100€ müssen nicht zwingend enttäuschend sein. Auf den Preisbereich zwischen 200 und 400 Euro sollte das Augenmerk gelegt werden. In diesem Bereich finden sich viele Modelle, die je nach Geschmack gute Qualität zu einem fairen Preis liefern.

Adam Hall LDIETBLACK-f1
Die Firma LD Systems (im Vertrieb von Adam Hall) bietet Gummi-Endstücke für ihren In-Ear-Kopfhörer in verschiedenen Größen an.

Die meisten vorgefertigten Kopfhörer werden mit einem wechselbaren Schaumstoffaufsatz ausgeliefert, der in unterschiedlichen Formen und Farben erhältlich ist, um eine möglichst gute Passform zu erreichen. Hier kann (und sollte) man viel ausprobieren, um den richtigen Aufsatz für sich zu finden. Bei großer Transpiration kann es dazu kommen, dass sich die Aufsätze vollsaugen und nicht mehr richtig halten.

Viele Hersteller liefern ihre Kopfhörer mit einer Auswahl an unterschiedlichen Aufsätzen aus, aus denen der Kunde dann wählen kann. Zusätzlich zu einer guten Isolation gegen Schallwellen sollte darauf geachtet werden, dass der Kopfhörer über eine gute Basswiedergabe verfügt. Ein Richtwert hierfür liegt zwischen 20 und 30dB. Ein weiteres Feature, auf das beim Kauf geachtet werden sollte ist, ein wechselbarer Filter zur Bedämpfung von Schalleinflüssen.

Diese Funktion ist eher in den höheren Preisklassen zu finden, aber teilweise auch bei Modellen aus dem mittleren Preisbereich. Außerdem hilft das Filter dabei, den Kopfhörer sauber zu halten. Das Ohr produziert nämlich so viel Schmalz, dass dadurch die Soundqualität des Kopfhörers leiden kann. Um Verschmutzungen an der Membran vorzubeugen, bieten viele Hersteller ein Kit zur Säuberung des Kopfhörers. Dieses ist zumeist im Lieferumfang enthalten. Ein abnehmbares Kabel ist ebenfalls wichtig, damit bei Beschädigung des Kabels nicht sofort der komplette Kopfhörer zur Reparatur geschickt werden muss.

Massanfertigung von Hearsafe
Der 1 Symphony von Hearsafe ist ein maßangefertigter Ohrhörer.

Das nächste Level an In-Ear-Kopfhörern sind persönlich angepasste Ohrstücke, mit perfekter Passform. Der erste Schritt ist die Erstellung eines Modells der Ohrform – das geht bei einem Ohrenarzt. Einige Hersteller bieten Vorschläge für einen geeigneten Ohrenarzt in der Nähe an. Man muss mit ca. 100-200€ für die Passform beim Ohrenarzt sowie 300€ aufwärts für die Kopfhörer rechnen. Normalerweise ist es üblich, dass der Arzt die Abdrücke direkt zur Herstellung der Kopfhörer schickt und diese dann wiederum an den Arzt zurück gesendet werden. Dieser Vorgang dauert einige Wochen. Falls du auf Tour gehen willst, solltest du also genügend Zeit einplanen.

Die Ohranpassung hat für gewöhnlich eine Lebenszeit von 2 Jahren, denn die Modelle können sich verformen und zum anderen ist möglich, dass sich die Form des Ohres ändert  (beispielsweise durch eine Behandlung der Weisheitszähne).

Persönlich angepasste In-Ear-Kopfhörer können sowohl aus Plastik als auch weichem Material, wie zum Beispiel Silikon hergestellt sein. Gewöhnlich fühlt sich die Isolation bei weicheren Materialien besser an als bei der Hartplastik-Variante. Entgegen mancher Vorurteile ist der Tragekomfort bei der Plastik-Variante sehr hoch. Man kann sogar damit einschlafen, und es stört nicht einmal. Aber welches Material am besten passt, sollten man möglichst selbst austesten. Normalerweise haben Hersteller eine kleine Auswahl an Modellen zum Testen, damit man nicht die Katze im Sack kaufen muss.

In-Ear-Monitoring: Die Wandler-Methoden

Bei der Herstellung von In-Ear-Kopfhörern werden zwei unterschiedliche Wandler-Methoden verwendet: eine dynamische bzw. eine statische Wandlung. Bei der dynamischen Wandlung funktioniert der Kopfhörer vom Prinzip her ähnlich wie ein herkömmlicher Lautsprecher. Eine bewegliche Spule ist in einem Magnetfeld angebracht. Wenn Strom, also ein Audiosignal, durch die Spule fließt setzt sich diese in Bewegung. Eine angebrachte Membran erzeugt Luftdruckschwankungen und eine hörbare Schallwelle entsteht.

Bei der statischen Wandlung sind ähnliche Komponenten vorhanden, allerdings sind die Spule sowie der Magnet fest verbaut und nicht beweglich. An der Spule befindet sich zusätzlich ein abstehender Arm. Sobald ein Strom (Audiosignal) fließt, beginnt dieser Arm zu vibrieren und bringt die angebrachte Membran in Schwingung. Die schwingende Membran erzeugt die für das Ohr hörbaren Schallwellen.

Beide Wandler-Prinzipien haben ihre Vor- und Nachteile. Dynamischen Wandlern sagt man eine lange Lebenszeit und kostengünstigere Herstellung nach. Dynamische Wandler liefern eine gute Bass- sowie Mittenwiedergabe, sind allerdings weniger effizient im Leistungsumsatz. Außerdem neigen dynamische Wandler zu einer schlechteren Höhenwiedergabe im Gegensatz zur statischen Wandlung und auch das Wandlerelement an sich ist größer.

Statische Wandler bieten gewöhnlich eine bessere Impulstreue und die Höhendarstellung ist detaillierter im Vergleich zu einem dynamischen Wandler. Zusätzlich verfügen statische Wandler über einen besseren Frequenzumfang und eine Aufteilung der Frequenzenbereiche durch mehrere verbaute Wandlerelemente. Abschließend lässt sich sagen, dass die statischen Wandler deutlich teurer sind als dynamische Wandler, vor allem durch den Umstand, dass mehrere Elemente verbaut werden. Durch verschiedene Wandler kann ein höherer Schalldruckpegel wiedergegeben werden. Im Endeffekt sollte man sich aber wie immer auf sein Gehör verlassen und danach entscheiden, welcher Klang einem zusagt.

In-Ear-Monitoring: Der Klang von Stille

Sobald man In-Ear-Kopfhörer eingesetzt hast, merkt man, dass nahezu der komplette Raumsound verschwunden ist – inklusive dem Klatschen des Publikums. Das kann zu Problemen auf der Bühne führen, aber auch hierfür gibt es Lösungsansätze. Eine Möglichkeit besteht darin, ein Mikrofon direkt an der Bühnenkante aufzubauen und dieses Signal in den In-Ear-Mix zu integrieren. Dadurch ergibt sich ein deutlich besserer räumlicher Eindruck, und der Musiker nimmt die Reaktionen des Publikums wahr.

Eine weitere Möglichkeit ist, ein Mikrofon mit Kugelcharakteristik auf der Bühne zu platzieren. Auch diese Methode bietet einen besseren Raumeindruck im In-Ear-Mix. Allerdings sollte man an dieser Stelle unbedingt an mögliche Phasenauslöschungen, sowie Latenzen zwischen den einzelnen Signalen achten. Zur Verdeutlichung: Gehen wir davon aus, es gibt ein Audience-Mikrofon mit einem Abstand von drei Metern zur Snare Drum. Jeder Snare-Schlag, der vom Audience Mikrofon aufgenommen wird, ist mit einer Latenz von ca. 10ms zu hören. Für Musiker kann eine Latenz ab 10ms als störend empfunden werden.

Sensaphonics 3D ambient earphones
Sensaphonics In-Ears mit 3D Active Ambient Technologie

Um diesen Problem vorzubeugen, haben einige Hersteller Systeme entwickelt, die den In-Ear-Sound mit dem Raumsound mischen können. Das erste Produkt mit dieser Entwicklung war das Sensaphonics mit der 3D Active Ambient Technologie. Im Kopfhörer ist ein Mikrofon integriert, welches sich nach Belieben dem Kopfhörermix hinzufügen lässt. Die Isolation des Kopfhörers bleibt nichtsdestotrotz erhalten. Ein deutlich elegantere Lösung, als mitten in Songs die Kopfhörer raus- oder reinzumachen. Ein weiteres Produkt mit diesem Lösungsansatz ist das Bodypack des Audio-Technica M2 Systems. Dieses Bodypack verfügt über einen Aux-Input, für den Anschluss eines externen Raummikrofons.

Audio Technica M2 System
Das Bodypack des Audio-Technica M2 Systems verfügt über einen Aux-Input für den Anschluss eines externen Raummikrofons.

Der Raumsound wird selbstverständlich durch Einflüsse von Richtcharakteristiken, Lautstärke der Band, sowie Übersprechungen zwischen Mikrofonen beeinflusst. Dieses ist bei der Verwendung eines Raummikrofons im In-Ear-Mix zu beachten.

Einige Musiker vermissen die Energie von tieffrequenten Signalanteilen bei der Nutzung von In-Ear-Systemen, die beispielsweise von Bühnenmonitoren erzeugt werden. Ein Subwoofer oder ein Wedge für die Bässe können Abhilfe schaffen. Man sollte darauf achten, dass es dadurch nicht zu einer Steigerung der gesamten Abhörlautstärke kommt. Sitzende Musiker können sich mit einem so genannten Butt Kicker behelfen. Dieser Wandler kann beispielsweise direkt an einen Drumhocker o.ä angeschlossen werden und verursacht bei tieffrequenten Signalen eine Vibration.

In-Ear-Monitoring: Kabellose Signalführung

Die meisten Musiker werden eine kabellose Variante des In-Ear-Monitorings bevorzugen, mit Ausnahme des Schlagzeugers und eventuell dem Keyboarder. Sicherlich sind kabellose Systeme die elegantere Variante, aber im Hinblick auf den Preis sollte man auch über ein verkabeltes System nachdenken. Dadurch würden ein teurer Sender mit zugehörigen Bodypacks eingespart werden. Zudem ist „Kabel“ immer noch die sicherere Variante gegenüber einem Funknetzwerk.

Die Nutzung von In-Ear-Systemen erfordert eine möglichst reichlich bemessene Zeit für den Soundcheck. Sollte die Band einen eigenen Monitormixer besitzen, herzlichen Glückwunsch – aber nun zurück zur Realität. Viele kleinere Bands haben keinen eigenen FoH- geschweige denn einen Monitormixer. Dadurch ergeben sich mehrere Möglichkeiten, um sein Monitorsystem aufzubauen. Der gewöhnlich Weg ist, jedem In-Ear-Mix einen separaten Aux Send vom Mischpult zuzuweisen.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, das komplette Monitoring über ein eigenes digitales Mischpult zu verwalten. Mögliche Hersteller an dieser Stelle sind Roland, Allen & Heath und Yamaha. Per App lassen sich vom Musiker selbst die eigenen Mixes verwalten und ermöglichen eine große Freiheit auf der Bühne. Der Nachteil dieses Systems ist allerdings, dass die Anschaffung sehr teuer ist und der Aufbau länger dauert, da alle Kanäle gesplittet und zusätzlich zum FoH-Pult geleitet werden müssen. Außerdem kann es auch zum Nachteil werden, wenn der Musiker für seinen eigenen In-Ear-Mix verantwortlich ist.

Da du zwei Ohren besitzt, ist es vorteilhaft, seinen In Ear Mix in Stereo zu hören. Allerdings ist es bei vielen Sender so, dass dieser ebenfalls in Mono funktioniert. In einer Livesituation kann dies von Vorteil sein, denn nicht jedes Pult verfügt über mehrere Pre-Fader Stereo Aux Sends. Natürlich ist es möglich, zwei separate Mono-Mixe für jeweils ein Ohr zu machen, doch glauben sie mir – das ist wirklich kein Vergnügen.

Dadurch kann es sein, dass ein Mono-In-Ear-Mix die bessere Wahl ist. Systeme von Sennheiser, Shure und Audio-Technica erlauben verschiedene Modi wie Stereo, Mono oder 2-Channel-Mix. Der 2-Channel-Mix sorgt dafür, dass man einen Instrumental-Mix und einen reinen Vocal-Mix erstellt. Der Musiker kann dann nahtlos zwischen diesen beiden Mixes überblenden. Eine weitere Möglichkeit dieser Methode bietet das Presonus QMix AI an. Auch hier kann man per iPhone zwischen diesen beiden Mixes sein Verhältnis persönlich festlegen.

Weitere Funktionen der In-Ear-Systeme sind ein EQ, einstellbare Input Level und eine Anzeige des Batterieladezustandes. Ein weiteres eminent wichtiges Feature ist ein eingebauter Limiter, der einen Hörsturz vermeiden kann. Ein Lautstärke-Regler am Bodypack ist ein absolutes Muss. Bei einer großen Anzahl an Frequenzen ist es außerdem möglich, die Zuweisung der Frequenzen automatisch über das System zu machen. Hierfür sind allerdings hochklassige Sender von Nöten.

Ein gut funktionierendes In-Ear-Monitoring kann dabei helfen, zum ersten Mal zu hören, was auf der Bühne wirklich passiert. Und dieser Umstand kann einen enormen Einfluss auf die Performance nehmen – und das kann nur positiv sein!

© Electronic Musician, courtesy of NewBay Media, 2015