Beschallungstechnnik-Grundlagen Teil 1

Der Bereich der Beschallungstechnik beschäftigt sich mit weit mehr, als sich manch einer überhaupt vorstellen kann. Auf großen Veranstaltungen gibt es sogar einen eigenen Job für diesen Aufgabenbereich. Der Systemtechniker (oder System Engineer) ist einzig und allein für die Koordination, Aufbau und Betrieb des Lautsprechersystems zuständig.

Dieser Artikel soll die Aufgaben und Herausforderungen dieses Systemtechnikers aufzeigen und verständlich machen, was grundsätzlich bei der Beschallung von Events und Konzerten beachtet werden muss.

Beschallungstechnik-Grundlagen: Line Array vs. Stacked System

Fangen wir ganz vorne an: Das Lautsprechersystem, auch P.A. (Public Access) genannt, dient der Beschallung des Zuhörerraumes. Vom Wortursprung sollen die Zuhörer einen Zugang zur gezeigten Darbietung erhalten. Ohne ein ausreichendes Beschallungssystem sind ein Konzert oder ein Kongress heutzutage nicht mehr realisierbar. Für die Auswahl eines geeigneten Systems gibt es einige wichtige Punkte zu beachten, die bei der Planung einer Veranstaltung unbedingt beachtet werden sollten.

Zunächst steht man zwischen der Entscheidung, ein Line Array oder ein herkömmliches gestacktes Lautsprechersystem aufzubauen: Bei einem Line Array handelt es sich um ein frei erweiterbares System, welches aus einzelnen Lautsprecherelementen, so genannten Arrays, besteht.

Ein Array-System im Live-Einsatz. (Foto: Adamson)
Ein Array-System im Live-Einsatz. (Foto: Adamson)

Diese Arrays sind bautechnisch optimiert und lassen sich durch verschiedene Mechanismen miteinander verbinden und anwinkeln. In der Regel wird ein Array mit 12, 18 oder teilweise auch 24 Elementen aufgebaut. Ein Line Array wird üblicherweise „geflogen“, das bedeutet, dass die gesamte Konstruktion an der Hallendecke oder der Bühnenkonstruktion aufgehängt wird.

Von Technikern oder Stage Hands wird das Array auch häufig als „Banane“ bezeichnet, da durch die Bauform und Anordnung der einzelnen Elemente eine Krümmung entsteht. Diese Krümmung sorgt für eine bessere akustische „Ausleuchtung“ des Zuschauerraums.

Ein gestacktes System dagegen besteht immer aus einzelnen Bass- sowie Topteilen, zum Teil auch aus Kombinationen dieser, das frei zusammengestellt werden kann. Dadurch lassen sich je nach örtlichen Voraussetzungen passende Cluster erstellen. Im Folgenden werden ein paar grundlegende Gedanken zur Wahl der richtigen PA vermittelt, um Fehlern frühzeitig vorzubeugen.

Beschallungstechnik-Grundlagen – Die Größe der PA

Die Art und Größe der Beschallungsanlage fällt eigentlich im gleichen Zuge mit der Wahl der Location. Für die Nutzung eines Line Arrays sind TÜV-geprüfte Hängepunkte von Nöten, die man zumeist erst ab einer bestimmten Hallengröße vorfindet.

Ein Stacked System ist eher für kleinere Locations sinnvoll. (Foto: Fohhn)
Ein Stacked System ist eher für kleinere Locations sinnvoll. (Foto: Fohhn)

An dieser Stelle kann man erfahrungsgemäß von einer Zuschaueranzahl ab ungefähr 1000 Personen rechnen. Ab dieser Veranstaltungsgröße reichen einfache gestackte Systeme nicht mehr aus, da die Leistung dieser Anlagen nicht mehr genügt. Da ein Line Array geflogen wird und wie schon erwähnt eine Krümmung besitzt, ist die Reichweite und das Abstrahlverhalten deutlich vorteilhafter.

So eignet sich ein Line Array für Veranstaltung ab einer Größe von 1000 Personen, falls es die Location platzmäßig zulässt. Durch die hohe Reichweite eines Line Arrays werden diese auch auf großen Open-Air-Veranstaltungen und Festivals aufgebaut.

Im Allgemeinen gilt: Die Beschallungsanlage sollte den gesamten Zuschauerraum möglichst gleichmäßig und mit einem für ein Konzert üblichem Schallpegel beschallen können.

Je nach Veranstaltungsgröße sollte demnach abgewägt werden, welche der Beschallungsarten für die Veranstaltung passend ist. Eine goldene Regel, wie viel Leistung eine Anlage für welchen Raum benötigt, kann man nicht geben. Bei Fragen oder Unsicherheiten ist aber meistens der Haustechniker oder Veranstaltungsplaner behilflich.

Beschallungstechnik-Grundlagen – Aufbau und Einmessen der Beschallungsanlage

Mindestens genauso wichtig wie die Wahl der richtigen Beschallungsanlage sind der richtige Aufbau und das Einmessen des Systems. Auch hier bietet ein Line-Array-System einige Vorteile gegenüber einem Stacked System.

Nahezu alle Line-Array-Beschallungsanlagen besitzen ein eigens entwickeltes System zum Aufbau, mit dem unterschiedliche Anordnungen und Winkel aufgebaut werden können. Dadurch ist es möglich, den Zuschauerraum akustisch optimal auszuleuchten. Zusätzlich zu derartigen Möglichkeiten steht häufig noch eine Softwarelösung zur Verfügung, die einen klanglich perfekten Aufbau der Lautsprecher garantieren soll.

Viele Firmen (hier JBL) bieten Software zur genauen Einmessung der Systeme an. (Foto: JBL)
Viele Firmen (hier JBL) bieten Software zur genauen Einmessung der Systeme an. (Foto: JBL)

Als Beispiel ziehe ich an dieser Stelle die kanadische Firma Adamson heran. Da ich schon häufiger mit dem Line Array-System der in Deutschland eher unbekannten Firma zu tun hatte, fällt mir eine Beschreibung der dortigen Lösung leicht. Beim Aufbau können mit Hilfe von drehbaren Rasterungen unterschiedliche Winkel zwischen den einzelnen Arrays realisiert werden. Die mitgelieferte Software kann nach Eingabe der Maße der Veranstaltungslocation die Rasterungen der einzelnen Arrays berechnen und so den Aufbau deutlich erleichtern.

Zusätzlich werden die Abstrahlwinkel der einzelnen Arrays angezeichnet, um zu überprüfen, ob auch im hinteren Bereich der Location noch genügend Schalldruckpegel vorhanden ist.

Des Weiteren gibt es die Möglichkeit, mit Software-Lösungen zu arbeiten. In diesem Falle werden Messmikrofone platziert, über ein bestimmtes Interface angeschlossen und so die akustischen Gegebenheiten des Raumes bemessen, sodass die PA effizient arbeiten kann.

Einer der größten Vorteile von normal gestackten PA-Anlagen ist, dass der Aufbau deutlich einfacher und sogar von einer einzigen Person durchgeführt werden kann, während bei großen Line Arrays häufig ein großes Team an Riggern vorhanden sein muss, um die Anlage an den Hängepunkten anzubringen.

Für gewöhnlich muss sich der Techniker beim Einmessen einer herkömmlichen Anlage rein auf sein Gehör verlassen, da die technischen Mitteln im Gegensatz zu Line-Array-Systemen eingeschränkter sind. Hinzu kommt, dass derartige Systeme häufig in kleineren Clubs stehen und dort sehr individuelle Lösungen zum Einsatz kommen können.

Im Punkto Einmessen konnten Kompaktanlagen allerdings deutlich aufholen. Neuerdings ist es möglich, direkt am Lautsprecher ein Messmikrofon anzuschließen und so die Gegebenheiten des Raumes an den Frequenzgang des Lautsprechers anzupassen – äußerst praktisch! 

Beschallungstechnik-Grundlagen – Vor- und Nachteile auf einen Blick

Vor- und Nachteile Stacked System

+ schneller und leichter Aufbau

+ flexible Anordnungen möglich

+ relativ preiswert

nur bis zu einer bestimmten Veranstaltungsgröße verwendbar

 

Vor- und Nachteile Line Array

+ große Reichweite und bessere Schallabstrahlung

+ fortschrittliche Systeme zum Aufbau und Einmessen

 komplexerer Aufbau als beim Stacked System

 TÜV-geprüfte Hängepunkte notwendig

  hoher Anschaffungspreis

Beschallungstechnik-Grundlagen – Near Fill, Sidefill, Delay Line

Neben der Haupt-Beschallungsanlage werden je nach Art und Größe der Veranstaltung weitere Beschallungsarten aufgebaut, um die Schallabstrahlungen in den Zuschauerraum weiter zu verbessern.

Bei einem Near Fill handelt es sich um eine Beschallung, die für den vorderen Zuschauerbereich zuständig ist. Ab einer bestimmten Bühnenbreite reicht der Abstrahlwinkel der Hauptbeschallung nicht mehr aus, um den mittleren Bereich vor der Bühne ausreichend zu beschallen. Dadurch entsteht in dem Bereich, wo für gewöhnlich am meisten Publikum steht, ein Schallloch.

Um auch diesen Bereich ordentlich beschallen zu können, werden an der Bühnenkante weitere Lautsprecher, häufig einzelne Arrays, in Zuschauerrichtung aufgestellt, und mit dem gleichen Mix wie der Haupt-PA versorgt.

Der Sidefill dient der Beschallung der Bühne und fällt somit als eigentliche P.A. (Public Access) aus der Definition heraus. Dennoch ist es hilfreich zu wissen, welchen Zweck der Sidefill erfüllen soll.

Ein Sidefill wird man ebenfalls erst ab einer gewissen Größe einer Veranstaltung vorfinden. Diese zusätzliche Beschallung wird seitlich, am Rand der Bühne, auf die Musiker gerichtet. Dadurch bekommt der Musiker, zusätzlich zu seinem Monitorsound, einen weiteren akustischen Eindruck seines Schaffens.

Dies ist vor allem auf sehr großen Bühnen notwendig, da die Bühnenmonitore sehr punktuell arbeiten und somit an manchen Stellen weniger Schalldruckpegel vorhanden ist als an anderen. Auch bei der Verwendung eines In-Ear-Monitorings sind Sidefills durchaus hilfreich, da es oft vorkommt, dass die Musiker ihre In-Ears herausnehmen, beispielsweise um Applaus oder Interaktionen mit dem Publikum mitzubekommen.

Bei der Delay Line handelt es sich ebenfalls um eine zusätzliche Beschallung zur Hauptanlage. Eine Delay Line wird aufgebaut, wenn die Haupt-PA nicht genügend Leistung besitzt, um die gesamte Zuschauerfläche zu beschallen. Aufgrund dessen werden im Zuschauerbereich, meist hinter dem FoH-Turm, weitere Arrays geflogen.

Delay Lines müssen installiert werden, wenn das normale Array-System nicht genügend Leistung hat.
Delay Lines müssen installiert werden, wenn das normale Array-System nicht genügend Leistung für die ganze Zuschauerfläche hat.

An dieser Stelle ergibt sich für den System Engineer folgendes Problem. Durch den räumlichen Abstand zwischen Hauptanlage und Delay Line treffen die Schallwellen im hinteren Bereich zeitversetzt zueinander auf. Um diesem Problem entgegenzuwirken, muss die Delay Line zeitlich verzögert werden (daher der Name).

Der Abstand zwischen den Lautsprechern der Haupt-PA und der Delay Line geteilt durch die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Schall (343,2 Meter pro Sekunde bei 20 Grad) ergeben den zeitlichen Versatz der Schallwellen zueinander. Dieser Versatz kann der Delay Line entweder über einen Endstufen-Controller oder dem Mischpult mitgeteilt werden. Weitere Einsatzgebiete von Delay Lines sind beispielsweise die Beschallung eines Raucherbereichs oder die Beschallung von weiteren Nebenräumen einer Veranstaltungslocation.

Im kommenden Teil zum Thema Grundlagen der Beschallungstechnik sollen die Inbetriebnahme einer PA-Anlage und die weiteren Zusammenhänge einer Beschallungsanlage thematisiert werden. Zusätzlich wird ein detaillierter Blick auf den gesamten Signalfluss vom Mikrofon über das Mischpult bis hin zum Lautsprecher geworfen.

Klick hier für Teil 2 der Beschallungstechnik-Grundlagen!