David Gilmour Interview (Foto: Guitarworld)

Pink Floyd ist vielleicht Vergangenheit, aber die Gitarrenlegende brilliert weiterhin als Sologitarrist – das David Gilmour Interview zum neuen Soloalbum „Rattle that Lock“.

Wenn Gilmour nicht Gitarrist für Pink Floyd geworden wäre, hätte er Karriere beim Geheimdienst machen können. Immerhin kann er Dinge sehr gut für sich behalten – vor allem wenn es darum geht, seine musikalischen Aktivitäten unter Verschluss zu halten.

In der Zeit von Social Media, Überall-Journalismus und Paparazzi, in der jeder private Moment festgehalten und veröffentlicht wird, ist und bleibt Gilmour für einen Mann seines Status erstaunlich unerkannt. Sogar Informationen über „The Endless River“, Pink Floyds erstem (und letztem) Album seit 20 Jahren, wurden erst wenige Monate vor der Veröffentlichung im November 2014 publik gemacht. So geheim war Gilmours Arbeit an einem neuen Solo-Album dann zwar nicht, aber dennoch war die Anzahl der Informationen spärlich.

David Gilmour Interview – Top Secret?

Der Prozess, „Rattle that Lock“ vor dem offiziellen Release-Datum zu hören, war deswegen auch kein einfacher: Gilmour änderte stets Details am Mix, weswegen Termine öfters verschoben wurden. Die CD musste angeblich sogar per Kurier vom Studio in England bis nach New York zum Sony-Büro gebracht werden, weil man einem Online-Datentransfer nicht traute. Bevor ich auch nur die erste Note hörte, musste ich verschiedene Formulare unterzeichnen, dass ich nicht zu viele Details erwähne, und die Liner Notes konnte man ebenfalls nur während dieser Sessions lesen.

Während ich diese dann las, fiel mir auf, dass viele der Namen auch bereits auf dem „On an Island“-Album von 2006 vertreten waren: Die Texte kamen von Gilmours Ehefrau Polly Samson, das Orchester wurde arrangiert vom polnischen Dirigenten Zbigniew Preisner, Ko-Produzent und Gitarrist war Phil Manzanera, und weitere instrumentale Hilfe kam unter anderem von Jools Holland, Rado Klose, Guy Pratt und Robert Wyatt. Sogar David Crosby und Graham Nash traten wieder als Background-Sänger auf einem Song in Erscheinung.

David Gilmours neues Solo-Album, Rattle That Lock. (Foto: Sony)
David Gilmour Interview: Das Cover zum neuen Solo-Album “Rattle That Lock” (Foto: Sony)

Der Sound von „Rattle that Lock“ jedoch ist ziemlich anders als alles, was Gilmour vorher gemacht hat, egal ob als Solokünstler oder mit Pink Floyd. Die Stimmung vieler Songs ist erstaunlich fröhlich, die lyrischen Inhalte sind ziemlich erwachsen, persönlich und intim. Der Titelsong hat ein flottes Pop-Feeling, und Gilmours Gesang klingt fast gar nicht nach dem typischen, gefühlvollen „Jammern“.

„The Girl in the Yellow Dress“ geht sogar noch weiter, zeigt Lounge-Jazz-artige Arrangements, während „In Any Tongue“ symphonisch, sehr intensiv und spannend klingt, das sehr eindrucksvoll den Text mitsamt seiner gewalttätigen Bildsprache unterstreicht. Ein Element ist jedoch auch hier geblieben: Seine emotionalen, ausladenden Gitarrensoli, von denen es auf den 10 Songs viele gibt.

David Gilmour Interview – Viel beschäftigt, Alter egal

Interessanterweise war die „geheimnisvolle Aura“ plötzlich verschwunden, als ich das Album einmal durchgehört hatte und ich mit Gilmour reden konnte: Der Mann ist sehr fröhlich und mitteilsam, wobei unsere gemeinsame Zeit leider aufgrund seines strikten Terminplans nur kurz war – zu dem Zeitpunkt war der Mix noch nicht ganz fertig, und das Album sollte kurz danach zum Mastering geschickt werden. Gilmour ist 70 Jahre alt, aber seine Motivation und sein Arbeitsethos würden auch 35-jährige alt aussehen lassen, und seine Gesangs- und Spielkünste haben sich seit seinem letzten Soloalbum sogar noch verbessert.

Gilmour befindet sich auch wieder auf Tour, wobei der Terminplan etwas aufgelockert ist, sodass er Zeit mit seiner Familie zuhause in Hove an der Südküste Englands verbringen kann. Was er danach plant, ist nicht bekannt, aber es wird garantiert nichts mit Pink Floyd zu tun haben: Der Tod von Keyboarder Rick Wright in 2008 und die Vollendung der letzten Werke mit „The Endless River“ haben dieses Kapitel endgültig abgeschlossen. Die Musik jedoch lebt weiter, da Gilmour viele Pink Floyd-Songs auch live aufführt.

Gilmour sagte zwar bereits vor langer Zeit, dass er mit Pink Floyd abgeschlossen hatte, aber die kürzliche Veröffentlichung von „The Endless River“ zeigt, dass seine Taten nun – um sich eines Songtitels zu bedienen – „Louder Than Words“ sind. „Rattle That Lock“ ist das erste Soloalbum, das wirklich eine persönliche Note besitzt und nicht nach einem Ableger von Pink Floyd klingt. Ob Fans jetzt aber dauerhaft und öfter etwas von Gilmours Persönlichkeit hören können, ist schwierig zu sagen: Immerhin weiß dieser Mann, wie man ein Geheimnis wahrt.

Dieses Album hält wirklich einige Überraschungen bereit – besonders für Leute, die deine Arbeit bereits lange kennen.

Das hoffe ich doch.

Hast du dir besondere Ideen für das Album ausgedacht, oder arbeitest du die ganze Zeit an neuen Songs?

Ich arbeite ständig an neuen Songs. Die Schüssel an Ideen ist im Laufe der Jahre langsam voller und voller geworden…dann realisiere ich, dass es ein Album wird, und ich fange an zu planen und mache weiter. Aber ich kann ehrlich nicht sagen, wann dieser Moment bei diesem Album war.

Die Songs sind sehr abwechslungsreich und auch sehr viel anders von dem, was wir von dir mit Pink Floyd gewöhnt sind.

Ja, es ist ein bisschen fröhlicher als mein letztes Solo-Album. Da gibt es aber keine Erklärung für. Die Geschenke, die wir bekommen, sind die, die wir annehmen.

David Gilmour Interview – Der Einfluss von Gilmours Frau Polly Samson

Schreibt deine Frau Polly erst die Texte und du schreibst dann dafür Musik, oder ist es andersherum?

Meistens habe ich ein bisschen Musik, mit der ich im Studio arbeite. Dann bring ich sie nach Hause und spiele sie auch dort, und dann gibt sie ihre Meinung dazu ab. Manchmal sagt sie „Der gefällt mir richtig gut. Kann ich mich mal an einem Text dafür versuchen?“, und ich sage „Ja bitte, mein Schatz“. Dann fängt sie damit an.

Arbeitet ihr denn zusammen an den generellen Themen oder am Fokus des Albums?

Meistens findet sie sozusagen heraus, worum es tatsächlich geht. Sie sagt vielleicht „Wie fändest du es, wenn wir in diese Richtung gehen?“, und bislang habe ich immer gesagt „Das hört sich toll für mich an“. Sie hat scheinbar eine telepathische Verbindung zu mir und zu dem, was ich möchte. Mittlerweile fühlt sie sich freier, vertraut eher ihren eigenen Instinkten. Das hat sie früher vielleicht so getan. Wenn ich an etwas glaube und ich es singe, wird es mein Song werden, also muss sie sich nicht mehr so darum kümmern, Dinge durch meine Augen zu sehen.

Das ist interessant, denn viele der Texte kommen aus einer sehr glaubwürdigen männlichen Perspektive – manchmal Vater, manchmal Sohn. Auch „The Girl in the Yellow Dress“ scheint aus einer männnlichen Perspektive heraus geschrieben zu sein.

David Gilmour Interview – Das Video zu “The Girl in the Yellow Dress”:

Der Song ist mehr von einem neutralen Standpunkt aus gesehen – es ist eine Geschichte, die von jedem erzählt werden könnte. „In Any Tongue“ ist ein schwerer, kraftvoller Text, von dem sie dachte, dass es ein sehr männliches Thema sei. Aber sie kriegt es hin, sich in diese Charaktere hinein zu versetzen. Ich weiß nicht, welche anderen „männlichen“ du meinst. Ich finde, sie sind mehr allumfassend.

Gilmour über seinen Sohn und weitere Gastmusiker im David Gilmour Interview – Teil 2!