Die Gitarristen von Snarky Puppy

Wie gründet man eine erfolgreiche Band? Sicherlich nicht mit 18 Musikern und darunter 3 Gitarristen, oder? Im Falle von Snarky Puppy – doch!

Wenn man irgendjemanden fragt, wie man heutzutage eine erfolgreiche Band gründen kann, würde wohl kein Mensch vorschlagen, einen Mix aus Jazz, Fusion und Funk mit einem stetig wechselnden Ensemble von 18 Musikern aufzunehmen und live mit bis zu 13 Personen aufzutreten. Glücklicherweise jedoch hat Bassist Mike League nie gefragt.

Die Gitarristen von Snarky Puppy – Die Anfänge und der Erfolg

2004, nach einer Reihe von Jamsessions an der Universität von North Texas, gründete League genau eine solche Band – “Snarky Puppy”. Innerhalb dieser 12 Jahre hat die Band ihre Nische in der Musikwelt gefunden – und zwar durch eine Mischung aus erstklassigem musikalischen Können, catchigen Kompositionen und harter Arbeit. Dies führte zu zwei Grammys und einer festen Fanbasis, die half, dass das „Downbeat“-Magazin die Band als „Best Jazz Group 2015“ auszeichnete. Achja, und in der „Jazz Times“ gab es 2014 auch Preise für „Best New Artist“ und „Best Electric/Jazz/Rock/Contemporary Group“.

(Foto: Universal)
(Foto: Universal)

Neben Bass, Schlagzeug, Keyboards, Hörnern und Percussionisten hat Snarky Puppy momentan drei Weltklasse-Gitarristen: Bob Lanzette, Mark Lettieri und Chris McQueen. Alle drei sind auch auf dem neuen Album „Family Dinner Volume II (Ground Up)“ zu hören. „Mike und ich kamen genau zum gleichen Zeitpunkt an die Uni, und wir spielten von Anfang an ein bisschen zusammen“, sagt McQueen. Auch Lanzetti war an der Universität:„Ich spielte mit vielen dieser Leute in verschiedenen Lineups, noch bevor es die Band gab“.

Als weder Lanzetti noch McQueen für ein paar der allerersten Gigs von Snarky Puppy verfügbar waren, rief League Lettieri an. „Wir waren gerade in Dallas und machten Session-Arbeit für ein paar andere Künstler“, erinnert sich Lettieri.

Mit anderen Leuten zu spielen ist ein großer und wichtiger Teil in der Karriere eines jeden Gitarristen. Lettieri arbeitet mit Erykah Badu und Kirk Franklin, Lanzetti mit Banda Magda und Afrobeat Underground System. McQueen schließlich spielt zusammen mit League in FORQ, außerdem noch in seiner eigenen Pop-Band Foe Destroyer. Zudem war er Gitarrist beim „Lazarus“-Musical von David Bowie. Wie man sich unschwer vorstellen kann, führt dies schon mal zu Terminkonflikten.

Die Gitarristen von Snarky Puppy – Jeder kann alles

„Bekommen wir eine Demo, lernt jeder alle Parts: die Akkorde, was der Bass macht, die Melodie“, sagt Lettieri. So kann ein Gitarrist einen anderen ersetzen, falls dieser verhindert ist. Aber wie funktioniert’s, wenn alle drei da sind? „Es kommt darauf an, gut zuzuhören“, sagt McQueen. „Am Anfang, wenn auf der Bühne zwei oder drei Gitarristen standen, konnte es schon mal schwierig werden. Nachdem wir aber Abend für Abend gespielt haben, lernten wir, die Gitarre still zu halten und mehr auf den anderen zu hören.“

Die Gitarristen von Snarky Puppy: Live wie erwähnt auch mal mit etwas weniger Musikern:

„Ich nahm eine Unterrichtsstunde mit Keyboarder Bernard Wright, der mir beibrachte, wie man eine Linie in eine „Call and Response“-Idee teilt. Ist nur ein Gitarrist da, spiele ich auch mal beides, sind aber zwei da, dann spiele ich nur den „Call“ oder nur den „Response“. Sind wir sogar zu dritt, spiele ich vielleicht nur zwei statt acht Noten pro Takt, damit andere Leute die Lücken ausfüllen können.“ „Es gibt vielleicht mal eine Stelle, wo Mark das Ruder in die Hand nimmt“, sagt Lanzetti. „An einem anderen Abend bin ich das, oder Chris. Alles ist ständig in Bewegung.“

Die Gitarristen von Snarky Puppy – Gleiches (und unterschiedliches) Equipment

Obwohl also alle drei Gitarristen alle Parts der Snarky Puppy-Gitarren beherrschen, unterscheiden sich ihre Stile. „Ich bin eher im Funk-Rock-Soul beheimatet“, sagt Lettieri. „Bob kreiert gerne Soundlandschaften mit Reverbs und Delays. „Mein Stil kommt aus dem Funk, seiner manchmal aus dem Afrobeat. Chris ist eher klassisch im Jazz beheimatet, kann aber auch sehr funky sein.“

McQueen kann aber auch textural arbeiten:„Ich bin von Radiohead, elektronischer Musik und Gitarren, die manchmal schon gar nicht mehr nach Gitarre klingen, inspiriert“, sagt er.

Gitarristen von Snarky Puppy: das neue Album "Family Dinner Volume Two".
Gitarristen von Snarky Puppy: das neue Album “Family Dinner Volume Two”.

Für die Parts von Snarky Puppy, die jedoch nach Gitarre klingen, ist ein Strat-Sound vorherrschend. „Normalerweise spiele ich meine Don Grosh Strat“, sagt Lettieri. „Für mich ist es am leichtesten, mich auf dieser auszudrücken, aufgrund der Art und Weise, wie die Band spielt.“ McQueen stimmt dem zu. „Ich nutze meine Tokai Strat mit Lollar-Pickups. Das ist  irgendwie der Sound der Band.“ Auch Lanzetti spielt eine Tokai:„Meine ist von ’82“, sagt er, „der vorherige Besitzer verbaute Fralin-Pickups, die ich liebe, und riesige, fette Blues-Bünde. Ich habe dann noch eine tolle Callaham-Bridge eingebaut.“

Andere Gitarren tauchen auch manchmal auf. „Manchmal bringe ich meine Collings I-35 mit, und eine Nash TK-54 Tele“, sagt Lettieri. „Wenn Mark oder Bob da sind, versuche ich auch mal einen anderen Sound, vielleicht eine Telecaster oder eine Heritage ES-335 oder etwas in diesem Stil. Auch Bariton-Gitarren gibt es öfter.

„Wir nutzen ganz oft Danelectro-Bariton-Gitarren“, ergänzt Lettieri. „Auf dem Song, den wir mit David Crosby gemacht haben, habe ich eine Eastwood, auf B gestimmt, gespielt. Auf dem neuen Album haben wir einen Song mit zwei Bariton-Gitarren, die auf A gestimmt sind.“

Die Gitarristen von Snarky Puppy: “Somebody Home” mit David Crosby:

In Sachen Pedale variieren die Geschmäcker dann aber sehr stark. Lanzetti nutzt gerne einen Maxon OD808, und die Box of Rock von Z.Vex und Fuzz Factory, um den Grit im Sound zu erhalten. Für Modulation und Ambiente-Sounds benutzt er Pedale von TC Electronic, Line 6 und Vertex. „Ich benutze den Minifooger von Moog“, sagt McQueen. „Eigentlich hatte ich Chorus-Effekten abgeschworen, aber das ist cool, weil man das Signal fast komplett darin „ertränken“ kann, fast wie ein Vibrato.“

„Ich habe zwei Boss DD-6 Delays“, sagt Lanzetti. „Eins ist in der Mitte der Signalkette, eins ganz am Ende. Außerdem benutze ich ein Digi-Tech Whammy, Empress Tremolo und ein Electro-Harmonix POG 2. In letzter Zeit fand der Pigtronix Infinity Looper und das Electro-Harmonix Freese-Pedal Anklang bei mir. Auf dem neuesten Album benutzte ich auch oft den Memory-Man.“

Auf Lanzettis Verlangen hin nutzen alle Gitarristen Supro-Verstärker. „Auf Tour nehmen wir alle Supro-Rigs, Coronado- und Royal Reverb-Modelle. Sie sind nicht nur live, sondern auch im Studio toll.“ McQueen ging sogar so weit und samplete (profilte) den Coronado in seinem Kemper für die „Lazarus“-Show von David Bowie.

Die Gitarristen von Snarky Puppy – Live im Studio

Ein Weg, wie Snarky Puppy mit den modernen Herausforderungen des Musikgeschäfts umgegangen ist, könnte für jede Band funktionieren: Viele ihrer Alben sind im Studio live aufgenommen worden, oft vor einem Publikum. Zwar senkt das die Produktionskosten, aber diese Methode ist nichts für die Zartbesaiteten:„Bist du allein im Studio und verhaust was, kannst du es einfach nochmal neu einspielen“, sagt Lettieri. „Spielst du aber live, haust du es besser direkt raus. Es ist zwar aufregend, gleichzeitig aber nervenaufreibend: man will die Leute etwas unterhalten, aber man weiß auch, dass man es nicht nochmal neu machen kann, also muss man sich sehr konzentrieren.“

„Jeder Take zählt, das ist die Idee dahinter“, sagt McQueen. „Mit dem ersten Take wird man normalerweise locker, und man schmeißt ihn weg. Ist der zweite Take nicht so gut, okay, macht man es halt nochmal. Wenn wir diese Live-Aufnahmen mit Snarky Puppy machen, muss man vielleicht mit diesem Fehler leben, denn wenn alles andere perfekt ist, wird der Take genommen. Es zwingt dich dazu, dein Bestes zu geben, was ein bisschen einschüchternd sein kann.“

Die Gitarristen von Snarky Puppy: So sieht eine “Live im Studio”-Session aus:

Die Gitarristen von Snarky Puppy – Konservativ oder nicht…

Man würde denken, dass gerade deswegen die Gitarristen etwas konservativer spielen, darauf bedacht, dass sie mit jedem Part und jedem Solo leben können, aber das ist nicht unbedingt der Fall. „Manchmal gehe ich auf Nummer Sicher, denn wenn ich aus mir raus gehe und ich kriege es nicht hin, dann habe ich einen tollen Take mit einem schlechten Gitarrensolo unbrauchbar gemacht. Nur, weil ich Leute beeindrucken wollte“, sagt Lettieri. „Man muss eine Balance hinkriegen: sehr fokussiert zu sein, gleichzeitig die Leute im Studio spüren, und dann auch noch wirklich im Take drin sein.“

McQueen reagiert da etwas anders. „Für uns ist das Ziel, uns gegenseitig zu überraschen; Dinge zu machen, die uns gegenseitig beeindrucken“, erklärt er. „Spielen wir alle auf Nummer Sicher, dann wird sich keiner um die Soli kümmern. Ich pushe mich immer, um in jedem Solo etwas Neues ausdrücken zu können.“

Jeder, der Gitarre mit jemand anderem in einer Band gespielt hat, versteht diese Dinge. „Kriege“ um die Lautstärke, sich beißende Obertöne und auslöschende Frequenzen können schon mal dazu führen, dass die Zuhörer wünschten, ein Gitarrist wäre zuhause geblieben. Die Snarky Puppy-Gitarristen haben verstanden, das alles zu umgehen, sodass jeder eine tolle Zeit hat.

„Zuallererst sind wir Freunde, wir versuchen, uns nicht gegenseitig auf den Schlips zu treten“, Lettieri. „Wir respektieren uns alle und wissen, dass jeder einen einzigartigen Sound hat, der gehört werden soll. Also lassen wir auch Raum für jeden. Das ist die einzige Art und Weise, die funktioniert.“

 

© GuitarPlayer 05/2016, courtesy of NewBay Media, 2016