Aftertouch ist die gefühlvolle musikalische Geheimwaffe!

Synthesizer bestehen vom Grundsatz her aus einem Haufen Ein/Aus-Schalter. Damit ist es nicht einfach, ausdrucksvoll zu spielen. Gut, die modernen Synthesizer sind anschlagdynamisch, haben das Modulationsrad, Fußpedale, Pitch Bending und in der Regel zwei Sustainpedale. Einige Instrumente haben aber ein Feature, das man sehr ausdrucksstark nutzen kann: Aftertouch oder auch Pressure (Druck) genannt.

Die zwei Arten des Aftertouch

Aftertouch ist ein MIDI-Kontrollsignal. Es produziert ein Ergebnis in Abhängigkeit davon, wie fest man eine Taste nach (deshalb after) dem eigentlichen Anschlag drückt. Es gibt dabei zwei Varianten:

Channel Aftertouch (oder pressure) ist die herkömmlichste Art des Aftertouch. Hier wird der durchschnittliche Druck auf die Tasten gemessen und in ein Steuersignal umgewandelt. Erhöht man den Druck, umso höher wird das Steuersignal. Technisch gesehen wird dies meist über einen druckempfindlichen Widerstand unter den Tasten realisiert. Dieser Widerstand gibt eine Spannung anhängig vom Druck ab, die dann digitalisiert in ein MIDI-Steuersignal gewandelt wird. Aber wichtig: Hier wird nur ein Steuersignal produziert.

Key oder polyphoner Aftertouch. Hier kann jede Taste ein separates Steuersignal erzeugen. Dabei kommt es darauf an, wie unterschiedlich jede einzelne Taste gedrückt wird.

Keith McMillen QuNexus
Abbildung 1: Keith McMillen QuNexus

Polyphoner Aftertouch ist sehr ausdrucksstark, aber mit ein paar Ausnahmen (Keith McMillen QuNexus, Abbildung 1, und CME Xkey USB Mobile MIDI Keyboard) wird diese Funktion heute kaum noch implementiert. Ensoniq war der letzte große Synthesizerhersteller, der mehrere Modelle mit polyphonem Aftertouch ausstattete, aber diese Firma gibt es nicht mehr.

Ein Grund dafür ist die hohe Datenmenge, die dabei entsteht: Jede Taste erzeugt separat eine Riesenmenge an Daten, was in MIDI-Anfangszeiten einige Sequencer überlastet hat. Auch die frühen, noch nicht allzu leistungsfähigen Computer konnten damit überfordert sein.

Fakt ist, dass viele virtuelle Synthesizer heute polyphonen Aftertouch verarbeiten können – wenn man ein Steuerkeyboard mit poylphonen Aftertouch zur Verfügung hat.

Cakewalk Sonar und Logic sind zwei Beispiele für Software, die das MIDI Datenfilter implementiert haben.
Abbildung 2: Cakewalk Sonar und Logic sind zwei Beispiele für Software, die das MIDI Datenfilter implementiert haben.

Da der polyphone Aftertouch eine große Datenmenge produziert, gab es früher das MIDI-Datenfilter, das dafür sorgte, dass bestimmte Daten nicht auf dem Sequenzer aufgezeichnet wurden. Die meisten DAWs unterstützen heute MIDI und verfügen auch über das MIDI-Filter, wobei der polyphone Aftertouch meist ausgeschaltet ist. Will man diese Funktion nutzen, muss man sie meist erst aktivieren. (Abbildung 2).

Leider gibt es auch deutliche Unterschiede bei den Tastaturen, wie gefühlvoll man den Aftertouch nutzen kann. Manche reden auch von “Afterswitch”, wenn man es kaum schafft, Nuancen zwischen den Polen “voll” und “aus” abzurufen. Die meisten Keyboards von heute sind da aber ganz gut ausgestattet.

Ein weiteres Problem ist, dass die Sounddesigner, die für die Werkssounds zuständig sind, keine Aftertouchapplikationen vorsehen, weil sie ja nicht wissen, welches Instrument der Musiker dann spielt und ob er es überhaupt nutzen kann. Die meisten Sounds reagieren auf Pitch Bending, das Modulationsrad und die Anschlagdynamik, aber eben nicht auf den Aftertouch. Dies muss man meist selbst programmieren.

Manche behaupten, dass der Aftertouch wenig genutzt werde, weil er gar nicht so einfach zu “bedienen” sei und man den Musiker damit überfordere.

Anwendungsbeispiele für den Aftertouch

Jetzt, wo wir wissen, was Aftertouch ist, werden wir uns damit beschäftigen, wie wir ihn nutzen können.

Bläser simulieren. Steuern wir bei einem Brass-Sound ein Cutoff-Filter an, dann wird der Klang brillanter, je härter wir die Taste drücken. Damit lässt sich das typische Spiel eines Bläser besser simulieren. Man kann nicht nur den Klang, sondern auch die Lautstärke damit beeinflussen. Dann wird der Klang brillanter und lauter.

Das typische Ziehen der Gitarrensaiten. Steuere die Tonhöhe per Aftertouch. Je nach Druck ändert sich die Tonhöhe wie beim Saitenziehen einer Gitarre. Dies macht Sinn, wenn man monophone Gitarrenlinien spielt. Bei Akkorden wird das Ergebnis eher an eine Pedal-Steel-Gitarre erinnern. Man sollte dabei die Empfindlichkeit des Aftertouch reduzieren, da man den Effekt sonst unerwünscht abruft.

Vibrato erzeugen. Dies ist fast die häufigste Anwendung für Aftertouch. Steuere damit die Tiefe des LFOs und damit die Intensität und auch Geschwindigkeit des Vibrato. Das kann man wunderbar bei Streichersounds nutzen. Auf gleichem Weg kann man auch ein Tremolo erzeugen.

Perkussioninstrumente “pitch benden”. Manche Perkussionsinstrumente gehen leicht in der Tonhöhe nach oben, wenn man sie fester anschlägt. Dies lässt sich per Aftertouch sehr realistisch simulieren.

Sounds überblenden. Das ist in der Programmierung ein wenig aufwändig, aber es lohnt sich. Stell Dir vor, wir wollen ein Gitarrenfeedback erzeugen. Dazu brauchen wir einen E-Gitarrensound und auf einem anderen Programmplatz eine Sinuswelle, die eine Oktave oder gar eine Oktave plus Quinte (nennt man auch Duodezime) über dem Gitarrenton liegt. Dann programmiert man den Aftertouch so, dass man damit die beiden Sounds überblendet. Drücke ich härter auf eine Taste, wird der Gitarrensound langsam ausgeblendet und vom Sinussound abgelöst, was dem Gitarrenfeedback (Pfeifen) sehr nahe kommt.

Effekte per Aftertouch. Nicht alle Synthesizer erlauben die Ansteuerung der Effektparameter per MIDI. Wenn das aber geht, kann man damit lustige Sachen erzeugen. Man könnte Echos einblenden, den Chorus steuern und vieles mehr.

Ich stelle einfach mal die Behauptung auf, dass nur die wenigsten Synthesizer mit ihren Werkssounds die Aftertouch-Funktionen (polyphon oder nicht) ausreizen. So probiert selbst was aus und schaut, was möglich ist.