Vocal Recording, Foto: Rode Microphones

Allan Sides, fünffacher Grammy-Gewinner, hat als Produzent und Toningenieur an mehr als 1000 Alben mitgewirkt. Sein “Arbeitszeugnis” beinhaltet viele der besten Vocalisten und Vocalistinnen überhaupt: Ray Charles, Mary J. Blige, Aretha Franklin, Vince Gill, Alanis Morrisette, Duke Elington, Josh Groban, Andrea Bocelli und Ella Fitzgerald.

Er verrät uns seine Ansichten zum Aufnahmeraum und Wahl des richtigen Mikros bei Gesangsaufnahmen.

Eine der größten Herausforderungen im Studio ist die Gesangsaufnahme. Man muss nicht unbedingt eine außergewöhnliche Sammlung der teuersten Mikrofone sein Eigen nennen oder sich ins beste Studio der Welt einmieten, um eine gute Gesangsaufnahme hinzubekommen. Jedoch gibt es einige Dinge, die man durchaus beachten sollte, um das Maximum aus einer Stimme herauszuholen.

Es gibt nicht DIE eine Lösung für alle Aufnahmesituationen; zu unterschiedlich sind die Sängerinnen und Sänger in ihrer Art mit einem Mikrofon umzugehen, in ihrer Fähigkeit, den Ton zu halten, in der Stimmfärbung und der Klarheit ihrer Stimme, besonders wenn es laute Passagen gibt. Die größten Herausforderungen sind im Allgemeinen:

  • Jeder Aufnahmeraum klingt anders, jedes Mikrofon hat seine akustischen Eigenheiten und eine eigene Soundfärbung.
  • Der Abstand und der Winkel in denen der/die Sänger/Sängerinnen zum Mikrofon stehen, beeinflusst den Klang immens.
  • Es ist schwierig, den richtigen Grad der Kompression zu finden, wenn man einen Kompressor benutzen möchte.
  • Es ist ebenfalls nicht einfach zu entscheiden, welchen Mikrofon-Vorverstärker man einsetzt, und mit wieviel Leistung (Gain), sprich: Lautstärke, man das Signal in sein Recordingsystem gibt.

Nachfolgend stelle ich einige Tipps vor, mit denen man das Beste aus den Vocals herausholen kann.

Den Sänger/die Sängerin akustisch isolieren. Zuerst sollte man sich um den Raum kümmern, in den man den Interpreten platziert. Viele Räume zuhause sind akustisch gesehen viel zu „lebendig“, d.h. mit viel zu vielen Gegenständen und Flächen versehen, die eine Menge von ersten Reflexionen erzeugen, die das Mikrofon mit aufzeichnet. Es kann sogar sein, dass man die Stimme im Raum selbst als angenehm und gut empfindet. Hört man das Signal dann aber im Regieraum, dann bemerkt man die unerwünschten Raumanteile, die man im Raum selbst gar nicht wahrgenommen hat.

Ein Grund dafür ist, dass das Gehirn, solange wir in Stereo hören, in der Lage ist, sich auf den Sänger zu konzentrieren und den Raumanteil auszublenden. Sobald man aber das Signal über Mikrofon und Lautsprecher im Kontrollraum hört, gelingt dies nicht mehr.

Man kann das Problem aber sehr einfach lösen, indem man sich drei Mikrofonständer nimmt, diese mit Decken behängt und sie links und rechts neben bzw. hinter dem Sänger aufstellt. Dies ergibt eine Art akustische Isolationsumgebung in U-Form. Damit eliminiert man den Raumanteil schon ganz erheblich und der Sound wird klarer und direkter. Ich habe professionelle Studios auf der ganzen Welt mit sehr viel Aufwand aufgebaut und bin immer wieder überrascht, was man mit der „Drei-Decken-Lösung“ alles erreichen kann.

Das richtige Mikrofon aussuchen. Um das richtige Mikro zu finden, probiere ich normalerweise drei aus, von denen ich weiß, dass sie für Gesang gut klingen: Ich nehme da u.a. ein Telefunken 251E, ein Neumann U47 bzw. U67 oder ein Sony C-800G. Die nachfolgenden Hinweise funktionieren aber mit jedem Mikrofon. Ich platziere diese so, dass ihre Kapseln dicht nebeneinander liegen. Die Klangerzeugung bleibt flat, der Kompressor ist aus, Gain (Verstärkung) ist für alle gleich. Dann lass ich den Sänger oder die Sängerin mal ein paar leise Stellen singen und dann den Chorus. Dann vergleicht man die drei Aufnahmen und entscheidet zusammen mit dem Sänger, welches Mikro es dann sein soll. Auf diese Weise schont man auch die Stimme des Sängers, denn der muss nicht drei Mal das Gleiche singen.

Ich hatte auch schon einen Sänger, der am besten über ein Shure SM58 klang. Und so kann man auch andere Mikros ausprobieren, die für Vocal-Aufnahmen geeignet sind. Wichtig ist, dass man immer ca. 20cm Abstand zwischen Mikro und Sänger einhält.

Hat man das richtige Mikro gefunden, dann platziert man den Windschutz so weit vor das Mikro, wie man den Sänger an der nahsten Stelle haben möchte (zwischen 10 und 20 cm). So hält man den Sänger davon ab, noch näher ans Mikro zu gehen. Der Abstand zum Mirko ist enorm wichtig. Ist man zu nah dran, wird der Sound muffig und verwaschen. Es ist nicht selten, dass man beim Mixen Vocaltracks bekommt, die nur wegen des zu geringen Abstands schlecht klingen. Hinzu kommen dann noch oftmals unerwünschte Popp-Geräusche. Dies erfordert dann beim Mixdown eine Menge unnötige Nachbearbeitung. Hält man den richtigen Abstand zum Mikro, dann wird die Aufnahme glockenklar.

Ich male häufig einen roten Punkt genau in der Mitte des Windschutzes, der genau vor der Mikrofonkapsel liegt. Dann weise ich den Sänger an, genau auf den roten Punkt zu singen. Man glaubt es nicht, was das ausmachen kann. Dies ergibt einen höhenreichen und präsenten Klang.

Die Signalkette. Meine bevorzugten Mikrofon-Preamps sind ein API Mic pre, ein Ocean Way mic pre, ein SSL J mic oder ein Neve 88-R, aber es gibt auch jede Menge anderer Geräte, die ihren Dienst tun.

Um die richtige Lautstärke einzustellen, bleibt der Kompressor erst einmal aus. Dann stelle ich die Lautstärke etwas 4 dB unterhalb der Position, ab der es anfängt zu clippen (zerren) bzw. bevor z.B. bei Pro Tools die Kanal-Anzeige in den roten Bereich gerät.

In der Regel wird ein Sänger nach ein paar Durchgängen lauter, deswegen sollte man etwas Reserve einplanen, damit man nicht eine eigentlich gute Aufnahme durch Übersteuerung verloren geht.

Als nächstes, wenn nötig, kommt der Kompressor ins Spiel. Dieser wird in den Kanalweg eingeschliffen. Die Ratio wird normalerweise auf 6 zu 1 eingestellt. Je nach Sänger stellen wir den Threshold-Regler auf 2 oder 3 dB Kompression, manchmal braucht man auch ein wenig mehr.

Bei vielen Sängerinnen und Sängern ziehe ich es jedoch vor, bei der Aufnahme ohne Kompressor zu arbeiten. Lautstärkeschwankungen gleiche ich lieber später in Pro Tools aus. Wenn ich mich aber für einen Kompressor entscheide, dann nehme ich den Teletronics LA2A oder den Summit Audio TLA 100A. Wenn ich ganz stark komprimieren muss, dann verwende ich den dbx 160.

Manchmal komprimiere ich während der Aufnahme nur den Monitorweg, die Aufnahme bleibt davon unbeeinträchtigt. Damit bleibt die Dynamik der Gesangsaufnahme erhalten, es ist aber angenehmer abzuhören.

Eigentlich bin ich schon der Meinung, dass ein Kompressor eine Aufnahme die Lebendigkeit nehmen kann. Es ist halt hinterher ein wenig mehr Arbeit, den Sound zu glätten. Es gibt Künstler, bei denen ein Kompressor partout nicht funktionieren will. Josh Groban und Andrea Bocelli sind zwei so Kandidaten. Geniale Sänger, aber bei beiden funktioniert es nicht mit Kompressoren.

Aber es gibt auch andere Beispiele: Die Stimme von Katharine McPhee ist unheimlich klar und brillant, die Dynamik haut dich förmlich um. Ich musste aber eine Kompression von nicht weniger als 14 dB verwenden, um die Aufnahme hinzukriegen, ohne jedoch den Zauber ihrer Stimme zu zerstören.

Andere Sänger gehen ans Mikrofon, halten perfekt den Abstand zum Mikro und klingen ohne Kompressor makellos.

Leider (oder besser gesagt gottseidank) ist jede Sängerin und jeder Sänger anders und man muss sich sehr genau auf sie einstellen.

Kleine Aufnahmetricks. Hier ein Trick, der die Auflösung und damit die Soundqualität einer Aufnahme eines Sängers mit hoher Dynamik und ohne Kompressor verbessern hilft. Ich zeichne die Stimme auf zwei Spuren parallel auf. Ich steuere den einen Kanal mit einer Lautstärke von 3 dB unterhalb des Clipping aus, und den zweiten mit 8-10 dB höher. Auch wenn die zweite Spur bei lauten Stellen zerrt, so ist die Aufnahme bei leisen Stellen deutlich intensiver. So mische ich dann die Spuren so, wie es am besten passt: für die lauteren Stellen nehme ich die erste Spur, für die leiseren die zweite. Auch wenn ich die verzerrten Teile nicht verwenden kann, so ist die Auflösung bei den leisen Stellen deutlich höher und klingt besser.

Kein Scherz, nach der Aufnahme nehme ich mir die Zeit, um die Lautstärke jeder Silbe des Gesangs perfekt anzugleichen, so dass vor dem eigentlichen Mischvorgang die Vocals perfekt ausgesteuert sind.

Kommen wir zur Klangbearbeitung. Da ich schon die Aufnahme so gut wie möglich gestalte, um die Stimme bestmöglich aufzunehmen, verwende ich in der Regel wenig EQ, und wenn, manchmal nur, um einzelne Silben, die nicht klar genug kommen, zu verbessern. Hat man nur ein Mikrofon zur Verfügung und die Stimme klingt zu dunkel, dann soll man sich nicht scheuen, diese klanglich zu bearbeiten. Ich würde dabei immer ein Kuhschwanzfilter (Shelving-Filter, alles zu Filtern hier!) empfehlen.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Kopfhörermix für den Sänger/die Sängerin. Dieser sollte schon so klingen, wie man sich den fertigen Mix vorstellt, mit allen Effekten, wie Hall etc. Dies hat einen ungemeinen Einfluss auf die Leistung des Interpreten.

Mit all den Infos wird dir auch zu Hause eine gute Vocal-Aufnahme gelingen, mit hoher Auflösung, Transparenz und Druck.

Klar, viele Wege führen nach Rom, aber vielleicht war ja was für den einen oder anderen dabei.

© Electronic Musician, courtesy of NewBay Media, 2014