Miike Snow - Studioreport zu "iii"

Ein Tier, ein trauriger Roboter, und ein eifersüchtiger Tyrann: Miike Snow ist das alles, und gleichzeitig keins davon. Der Miike Snow Studioreport.

Miike Snow ist die Kunstfigur, der ambivalente Charakter, durch den Andrew Wyatt, Christian Karlsson und Pontus Winnberg seit fast 10 Jahren in einem fiktiven Universum Musik machen können. Dabei verbinden sie Erlebtes und retrofuturistische Studiomethoden und machen daraus Sci-Fi-Fantasien und emotionale, aber niemals manipulative Indie-Pop-Songs.

Als Songwriter haben die drei erfolgreiche Club- und R&B-Produktionen gemacht (Karlsson und Winnberg haben als „Bloodshy & Avant“ schon für Britney Spears, Katy Perry und Kylie Minoque geschrieben). Wyatt kann unter anderem auf Projekte mit Bruno Mars und Mark Ronson zurückblicken kann.

Miike Snow Studioreport: Eins plus eins plus eins ergibt…

Das selbstbetitelte Debüt von 2009 führte die Miike Snow-Kombination ein, mit Elektro-Ensembles, gefilterten Vocals und echten Drums. „Happy to You“ aus 2012 legt eher einen Fokus auf Pianos und Synthese. Zwei plus eins ergibt dann „iii“: Hier zeigt man die volle Kombination aus erdigem Funk, Live-Instrumenten, Hooks und nachdenklichen Momenten.

Studioreport Mike Snow: Das Cover zu "iii".
Miike Snow: Das Cover zu “iii”.

„Auf dem ersten Album haben wir die Summe unserer musikalischen Erfahrungen kombiniert – was wir getan hatten, was uns geprägt hatte“, erinnert sich Wyatt. „Zwischen dem und dem zweiten Album sind wir als Band getourt, und so überlegten wir währenddessen, wie wir reinpassen, was die Fans für Erwartungen an ein nächstes Album haben würden. Nach dem zweiten Album dann hatten wir nicht mehr das Gefühl, als ob wir eine Band sein müssten. Als wir dann wieder zusammenkamen, war das, weil wir es wollten.“

„Wir wollten nicht um jeden Preis unbedingt ein Miike Snow-Album machen, aber wir dachten uns, dass es Spaß machen würde. Also fingen wir an.“

Zwischen „Happy to You“ und „iii“ war Wyatt, der zwischen New York und Los Angeles pendelt, schwer beschäftigt mit einem Soloalbum („Descender“) und mehreren Kollaborationen, unter anderem mit Lykke Li und Flume. Karlsson (Bangkok und Los Angeles) konnte mehrere Dance-/Electro-Charthits als eine Hälfte des Duos Galantis verbuchen. Und Winnberg (Stockholm) verbrachte Zeit mit dem Produzieren und Managen seines Labels INGRID. Ein Zusammentreffen hätte also zu einem Clash der Egos führen können oder zu Logistikproblemen. Stattdessen aber kam alles „ziemlich früh zusammen“, erklärt Karlsson. „Die erste Demo und der finale Mix lagen nicht weit auseinander. Das war mal anders.“

„Unsere Zeit zusammen in Miike Snow ist sehr selten geworden, weil wir alle woanders leben“, sagt Wyatt. „Also wussten wir, wenn wir uns treffen, muss es hinhauen, das Zeug muss gut sein und wir müssen schnell Inspiration finden. Wir hätten keinen Monat, um an einem Beat zu arbeiten. In dieser Hinsicht war dieses Album ähnlich dem ersten. Wir wussten anfangs, was wir zu tun hatten, und wir waren frisch genug, um es relevant zu machen.“

„Wir wollten einen Song haben, dem man auf dem Piano spielen kann, an dem man interessiert ist und der sich zufriedenstellend anfühlt, und dann muss man das Talent dazu haben, eine größere Produktion drum herum aufzubauen.“

Miike Snow Studioreport: Mal hier, mal da

Sie trafen sich in der Silver Lake-Gegend in L.A. für ein paar Tage Ende 2014. Weitere Sessions in New York und Stockholm im nächsten Jahr kamen dazu. Wyatt, Karlsson und Winnberg konnten anfängliche Spannungen ausgleichen, indem sie sich versprachen, die Dinge unkompliziert zu lassen. Ein Muster tat sich auf: Eine Mischung aus Heartbreak-Pop der Songwriter der 60er und 70er, eine Liebe für den 90er-Sample-Hip-Hop, und moderne Studiomethoden.

Einflüsse aus dem Garage Rock, Progressive, J. Dilla und Just Blase-Schlagzeug sind hörbar in den Breaks von „My Trigger“. Der klassische Marlena Shaw Loop ist in „Heart is Full“ zu hören. Eine Vielfalt von weichen, stolzen und unruhigen Eigenschaften ist in den Songs durch Wyatt’s Gesang zu hören, die „nicht immer gefühlvollen Platz kommen, aber aus einer Soul-Tradition. Meine ersten musikalischen Instinkte kommen von Jazz, Hip-Hop und Soul. Meine ersten Alben in 1993 verglichen Leute mit Stevie Wonder und Todd Rundgren. Das ist etwas, was immer an mir bleibt, was man nicht umschreiben kann.“

Karlsson fügt hinzu, dass seine Denkweise bezüglich „iii“ die eines „16-jährigen mit einer Akai MPC60 oder so“ ist.

Miike Snow Studioreport: Die Single “Genghis Khan”:

Auf den ersten beiden Alben gab es eine „duale“ Herangehensweise an die Produktion. Das führte zu einer Menge Gear, von alten Analogsynthesizern bis hin zu Camel Audio Plugins und SSL-Channelstrip-Simulationen. Der Höhepunkt war da wohl „The Blob“, eine Performance auf Modularsynthesizern von Teenage Engineering und EMS, basierend auf einem 6-kanaligen Mixer, Corgasmatron-Filter, EH Cathedral- und Doepfer-Reverbs, Intellijel-VCAs und eigenen 12V Lamp-Driver, mit denen das Audiosignal visualisiert wurde. „The Blob“ ist zwar in Rente, aber was es repräsentierte, ist auf „iii“ zu hören: „Positive“ Verzerrung und perfekte Unvollkommenheit.

“Jedes Gear hat seinen eigenen Sound, seinen eigenen Charakter, und das kann sowohl Teil eines Songs als auch einer Melodie sein“, sagt Winnberg. „Ich mache keine klassische Musik, wo Neutralität gefragt ist. Als wir „I Feel the Weight“ geschrieben haben, hatte ich diesen Gitarrensound mit sehr langsamen Vibrato, und ich habe den Part mit meinem Fender Jaguar durch ein Ace Tone-Pedal, aufgenommen mit einem Sennheiser MD421, eingespielt. Ich habe die Noten gelayert, sodass ein spaciger Vibe entstand, irgendwie noisy, das mich aber nicht störte.

Und ich habe immer daran experimentiert, einen möglichst punchigen Drumsound aus nur einem einzigen Mikrofon herauszuholen. Ich suche nie nach der perfekten Formel, sondern nur nach dem perfekten Sound für den momentanen Song.“

Miike Snow Studioreport: Jeder auf seine Weise – einiges bleibt aber gleich

Perfekten Sound zu erreichen scheint schwierig, wenn man Sessions so dermaßen aufsplittet (sowohl geografisch als auch zeitlich). In den letzten Jahren jedoch haben Miike Snow sich Plattformen zurechtgelegt, mit denen sie arbeiten können. Wyatt und Karlsson arbeiten mit Pro Tools in L.A., obwohl Karlsson laut eigener Aussage immer öfters mobil produziert, mit dem gerade verfügbaren Equipment. Einzig seine Abhöre bleibt die gleiche: Genelec, ADAM Audio und Yamaha NS-10er. Solange die eingesetzten Plugins abgestimmt wurden, ist der Austausch von Sessions kein Problem.

(Foto: ElectronicMusician)
(Foto: ElectronicMusician)

Winnberg nimmt ebenfalls in Pro Tools auf. Gear-mäßig vertraut er auf „eine Neve BCM10 mit den 1078er oder 1081er oder 1084er – die kleinen, nicht die großen – und wir haben auch einen API 1608 benutzt. Früher habe ich oft Logic benutzt, aber da vertraue ich nicht 100%ig drauf. Öffnet man es zum dritten oder vierten Mal, sind die Dinge vielleicht minimal anders, obwohl man nichts geändert hat. Aber hat man eine Audio-Datei, dann ist es eine Datei und da kann sich weniger dran ändern. Ich bevorzuge es, so wenig Plugins wie möglich zu haben, sodass der Computer so wenig Arbeit wie möglich macht, sobald alles in der Hauptsession ist.“

Winnberg hat nicht alleine den Wunsch, einen Take mit Effekten genauso zu haben, wie er es wünscht, und dann erst später Lautstärke und Panoramaeinstellungen zu verändern. „Ich hasse es, zu viele Optionen oder Kanäle oder was auch immer zu haben“, sagt Karlsson. „Ich mag es, die Dinge schnell und am Anfang schon zu haben – „so klingt es, fertig“.

Wenn ich mit etwas fertig bin, selbst mit Effekten, dann habe ich die schon fertig exportiert. Ich glaube, das ist gut so, wenn auch mit kleinen Abstrichen. So kommt man schneller vorwärts, und ich bleibe kreativer. Wenn ich zu viele Möglichkeiten habe, leidet das Produkt. Es gibt einen Grund, wieso ich das jetzt gerade mag. Exportier‘ es einfach.“

Der Miike Snow Studioreport geht weiter – auf Seite 2!