Studioreport Bloc Party (Foto: Electronic Musician)

Auf ihrem fünften Studioalbum “Hymns” hat die britische Indie-Band Bloc Party einen „spirituellen“ Sound geschaffen – indem sie sich auf Live-Aufnahmen und elektronisch inspirierte Gitarrenmanipulation fokussierten – und darauf, Vocals als erstes aufzunehmen. Alle Details dazu im Studioreport Bloc Party!

Will man mittels eines Fensters einen Einblick in die Studiosessions von „Hymns“ haben, so wird dieser Einblick durch Buntglas geschehen. Inmitten von eigens gebauten Pedalboards, E-Pianos und sich in einer Übergangsphase befindend (nach dem Weggang von Drummer Matt Tong und Bassist Gordon Moakes) wollten Bandgründer Kele Okereke und Russell Lissack ein Album machen, auf dem einerseits neue Hoffnung mitschwingt – auf dem aber andererseits auch nichts heilig ist. Um das zu bewerkstelligen, wurden im Aufnahmeraum Glasscheiben angebracht, auf denen zufällige Filme abgespielt werden. So erhält der Raum selbst eine „Einstellung“.

Bloc Party Interview: Der etwas ältere Song “Two More Years”:

Einerseits erschafft dieses Fenster eine passende spirituelle Dimension für ein Album, das sowieso andächtig untermauert ist. Andererseits repräsentiert es auch den Wunsch, Sound zu „kontrollieren“. „Nach dem ‚Four’-Album war ich ehrlich gesagt etwas angewidert von den harschen, wütenden Sounds“, sagt Okereke, Sänger und Rhythmusgitarrist der Band. „’Four’ fühlte sich komplett aufgedreht an – hart, roh, genauso wie wir es wollten, alles klang wie Alarmstufe rot. Aber nach einem Jahr touren gefiel es mir nicht mehr, diese Songs zu performen. Es fühlte sich an, als würden wir uns in eine Pose begeben, um Rock ‘n‘ Roll spielen. Es fühlte sich nicht ehrlich an. Ganz instinktiv zog es mich dann hin zu sensiblerer, subtilerer Musik.“

Bloc Party Interview – Die Gitarre mit einer anderen Rolle

Er begab sich ins DJing, produzierte sein zweites Soloalbum ‘Trick‘. So nahm er sich mehr der wärmeren, tieferen und bassigeren Sounds an. Als sich Okereke und Gitarrist Lissack 2014 zusammensetzten, um Ideen für ein neues Album zu sammeln, sprachen die beiden intensiv darüber, harte und treibende Riffs auszulassen. Die Gitarre sollte stattdessen ein plastisches, texturales Element werden.

„Ich kann mir vorstellen, dass Leute denken, ich hätte einen wiedererkennbaren Stil, was mir schmeichelt. Aber sie denken oft eher an unsere bekannten Songs von den älteren Alben. Die waren treibend, schneidend und frenetisch“, sagt Lissack. „Aber im Laufe unserer Geschichte mit der Musik denke ich, dass wir mehr als nur das gemacht haben. Meine Philosophie war immer, etwas neues und anderes zu machen.“

„Eine Gitarre nicht wie eine Gitarre klingen zu lassen fand ich immer interessant. Hört man sich den Song ‘Hunting for Witches‘ von unserem zweiten Album an (‘A Weekend in the City‘), hört man ganz deutlich eine Gitarre, die aber einen Computer-Touch hat“, erklärt er. „Und Kele will immer, dass ich neue Ideen ausprobiere, genauso wie ich das auch von ihm verlange. Deswegen gibt es [auf ‚HYMNS’] noch mehr dieser manipulierten Sounds.“

„Auf der anderen Seite spiele ich auf ‘The Good News‘ eine Slide-Gitarre, die ja eine totale Antithese zu diesen elektronisch produzierten Sounds ist. Aber es ist immer noch etwas Anderes, weil ich das vorher noch nie gemacht habe. Es gibt also verschiedene Methoden, um etwas Neues zu machen.“

Bloc Party gibt es seit 2003, als Spitze einer Welle von rohen Post-Punk-Bands. Über die nächsten zehn Jahre veröffentlichte die Band vier Alben, die Momente besinnlicher Intimität und stumpfer Aggression zeigten. Mit „HYMNS“ gibt es jetzt sozusagen Bloc Party 2.0. Die Versuche, den Studioprozess der Band in Sachen technischen Details und Musikalität zu verändern, waren sehr fruchtbar.

Bloc Party Interview – MyRiot lassen Platz

„Der Song ‘Only He Can Heal Me‘ war einer der ersten, die wir probten, und es war sehr aufregend, als der Song Gestalt annahm und wir auf diesen pulsierenden Tremolo-Effekt trafen“, reflektiert Okereke. „Es nahm sich der spröden Natur der Gitarrenarbeit auf ‘Four‘ an und gab es stattdessen ein impressionistisches Feeling. Für mich war es sehr aufregend, diesen verschwommenen Sound zu hören, der mir so bekannt war – Songs zu schreiben, bei denen die Gitarre fast symphonisch klingt, wie eine Streichersektion in einem anderen Raum. Russell’s Sound war immer sehr nah und scharf, deswegen war es schön zu hören, wie er diese neuen Sounds schuf.“

Bloc Party Interview: “Only He Can Heal Me”:

Mit dieser „Erneuerung“ und bereit dazu, noch diffusere Sounds auszuprobieren, wandten sich Okereke und Lissack an das Produzenten-Dup MyRiot (Tim Bran und Roy Kerr). Diese sind bekannt für ihre Arbeit an London Grammar’s Debütalbum von 2013. „In unserer Produktion für London Grammar gab es viele Reverbs und spezielle Nutzung von Lücken im Audio. Wir waren bereit, nicht jede Millisekunde mit irgendetwas zu füllen“, sagt Bran.

„Direkt von Anfang an sprachen Kele und Russell darüber, ein Album mit Breite und Raum zu haben, das ein persönliches, spirituelles Feeling in vielen Formen haben sollte. Wir liebten diese Idee.“

Okereke und Lissack, die 2014 in verschiedenen Etappen schrieben, wussten, dass sie Songs haben wollten, die mit Sounddesign angereichert sein sollten, aber im Kern durch Live-Elemente aufgebaut sind. Zusätzlich integrierten sie währenddessen den neuen Bassisten Jason Harris (aus Portland, Oregon, von der Indie-Rock-Band Menomena) in die Band. Der neue Drummer Louise Bartle kam später im Aufnahmeprozess dazu. Nach mehreren Wochen Probe luden Bloc Party Bran und Kerr zuletzt ein, um ihnen Arrangements vorzuschlagen. Dazu spielte die Band die Songs mehrmals.

Bloc Party Interview – 8 Stunden komprimiert auf 4 Minuten

„Es wurde schnell klar: Das Ziel war immer der Sound von vier Leuten, die in einem Raum etwas spielen, selbst wenn es nach mehr klingt“, sagt Bran. „Vielleicht wechselte man innerhalb des Songs zwischen E-Pianos, verschiedenen Gitarren, Bässen oder Subbass-Keyboards, aber man wusste immer, dass irgendwo Leute mit ihren eingesteckten Instrumenten stehen. Deswegen war der erste Schritt, einen Weg zu finden, acht Stunden Probe pro Tag in die bestmöglichsten 4-Minuten-Songs zu destillieren.“

„Viele Gitarrenparts wurden von Russell mit seinem Pedalboard geschrieben, also waren die Sounds schon fertig geformt“, erklärt Kerr. „Aber sie waren auch sehr schön offen, nicht so vorgeschrieben. Ein Teil des Konzeptes war es ja, einen Schritt weiter zu gehen. Es war sehr erfrischend mit Leuten zu arbeiten, die so selbstbewusst waren, mit vielen Ideen, gleichzeitig uns aber auch experimentieren ließen. Manchmal war es eher ein Sounddesign-Projekt, manchmal waren wir sehr kreativ.“

In den Lynchmob Studios in London arbeitete man mit Engineer Max Heyes und seiner 1969 Neve (mit 28x1070L Preamps/EQs und 6×1081 Preamps/EQs) zusammen, und die Sessions begannen mit einem Sontronics ARIA Großmembranmikrofon.

„Früher haben wir instrumental gejammt und am Ende habe ich die Vocals geschrieben, nachdem die Struktur und alles schon vorbestimmt war“, erinnert sich Okereke. „Aber im Laufe der Zeit war es frustrierend, nur ‘Malen nach Zahlen‘ zu machen. Ich fand immer, dass die Vocals der wichtigste Teil eines Pop-Songs waren, und deswegen haben wir auch damit angefangen.“

„Ich stellte fest, dass ich eine Idee nehmen konnte und sie so weit ausschmücken, wie ich wollte, und dann arbeitet man den Rest drum herum, anstatt immer ständig zu versuchen, alles irgendwie zu verbinden. Ich konnte abenteuerlichere Sachen mit dem Phrasing machen, verschiedene Nuancen mit meinem Gesang ausprobieren, die ich sonst nicht hätte machen können, wenn wir verschiedene Akkordfolgen gehabt hätten, die sich jeden Takt verändern würden.“

Bloc Party Interview Seite 2: Der Aufnahmeprozess im Detail!