Vocal De-Essing Workshop

Normalerweise benutzt man einen Compressor beim Mastering nur ganz dezent. Wenn man aber noch de-essen muss, ist “schweres Gerät” vonnöten. Wie man das macht, ohne den Mix zu ruinieren, zeigt unser Vocal De-Essing Workshop!

Ganz hohe Ratio-Werte und eine Hard Knee-Einstellung sind eigentlich nicht gerade fürs Mastering gemacht. „Das benutzt man doch nur für zu leise Spuren!“ Ja, richtig, aber manchmal braucht man sie eben doch – für spezielle Fälle.

Vocal De-Essing Workshop: Mission Impossible?

Manche Aufgaben, vor denen man beim Mastern steht, erscheinen einem fast unmöglich. Als gutes Beispiel dient hier ein Mix, dessen Haupt-Gesangsspur eine ordentliche Dosis De-Essing benötigt. Mithilfe eines M/S-Compressors kann man die Mitte (da liegt ja der Gesang) de-essen. Das Problem ist aber der Threshold-Wert, denn ganz schnell fängt man sich die Bassdrum, die Snare und vielleicht sogar ein paar Gitarren mit ein. Die Lösung ist also am Ende schlimmer als das Problem selbst!

Für eine solch schwierige Aufgabe brauchen wir einen wirklich umfangreichen Compressor, denn ansonsten gibt es hörbare Kollateralschäden. Der Compressor sollte ein Multiband-Compressor mit M/S-Funktion sein und einen frei einstellbaren Sidechain-Filter (oder einen externen Sidechain-Input) haben. Außerdem sollte man die Range regeln können, und Attack- und Release-Zeiten sollten sehr kurz sein. Außerdem auf unserer Wunschliste: Ein Hard Knee, sehr hohe Ratio-Werte, einen Sidechain-Monitor und detaillierte Threshold-Einstellungen. Das sind zwar viele Anforderungen an einen einzigen Compressor, aber es gibt sie!

Vocal De-Essing Workshop: Los geht’s

Vocal De-Essing Workshop: Abb. 1 zeigt das in Frage kommende Frequenzspektrum. (Foto: ElectronicMusician.com)
Vocal De-Essing Workshop: Abb. 1 zeigt das in Frage kommende Frequenzspektrum. (Foto: ElectronicMusician.com)

Zunächst sollte man den Compressor so einstellen, dass nur der Mitten-Kanal den Kompressionsvorgang auslöst, und zwar auch nur die hohen Frequenzen (zwischen 5 und 10 kHz, siehe Abbildung 1). Die Ratio wird auf ∞:1 und die Range auf 2 dB eingestellt. Wenn man eine Vocalspur, die bereits im Mix eingefügt ist, de-essen möchte, muss der Threshold normalerweise ein bisschen unter der Amplitude der Zisch-Laute eingestellt werden.

Ist der Threshold nämlich um einiges niedriger, werden leisere Elemente wie zum Beispiel eine Gitarre auch reduziert. Die Zisch-Laute sollen es also gerade so über den Threshold schaffen (aber dennoch immer die Kompression auslösen, deswegen auch der hohe Ratio-Wert), aber nicht viel mehr als 2dB (mithilfe der Range Control eingestellt). 2dB ist normalerweise der Maximalwert, wenn man einen ganzen Mix de-essen möchte (oder muss).

Zisch-Laute sind sehr schnell, deswegen sollten die Attack- und Release-Zeiten so schnell wie möglich gewählt werden, damit sie auch wirklich nur die Zisch-Laute „angreifen“ und keinen weiteren Schaden im Mix anrichten. Außerdem soll der Compressor ja nicht schon greifen, wenn die Signalstärke in die Nähe des Thresholds kommt, deswegen sollte eine Hard Knee-Einstellung (so hart, wie es geht) gewählt werden.

Vocal De-Essing Workshop, Abb. 2: Kompressor-Einstellungen im Detail (Foto: ElectronicMusician.com)
Vocal De-Essing Workshop, Abb. 2: Kompressor-Einstellungen im Detail (Foto: ElectronicMusician.com)

Vocal De-Essing Workshop: Zu viel mitgenommen

An diesem Punkt kann es sein, dass immer noch einzelne Bassdrum- und Snaredrum-Schläge komprimiert werden. Hier kommt die Sidechain-Funktion ins Spiel: der Bereich des Bandpass-Filters sollte jetzt enger eingestellt werden, sodass nur noch ein kleiner Frequenzbereich der Zisch-Laute durchkommt (enger als der Bereich, der im Audioweg komprimiert wird). Hat der Compressor, den man ausgewählt hat, keinen Bandpass-Filter im Sidechain, kann man eine bandpass-gefilterte Kopie seines Mixes zum External Sidechain-Input des Compressors routen.

Während man sich dann das Sidechain-Signal anhört, kann man den Bandpass-Filter feinjustieren, sodass man die Stelle findet, an der die Zisch-Laute lauter sind als die Bassdrum- und Snare-Schläge. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die Vocals nicht zu sehr im Mix „begraben“ sind. Obwohl man also die Audiospur zwischen ca. 5 und 10 kHz komprimiert, reicht der Sidechain-Filter nur von vielleicht 6,3 bis 8 kHz – eine wesentlich kleinere Bandbreite.

Vocal De-Essing Workshop: ein letztes Mal Hand anlegen

Nachdem man den Sidechain-Filter genauestens eingestellt hat, muss man wahrscheinlich noch einmal die Threshold nachreglen, sodass Bassdrum und Snare quasi gar nicht mehr komprimiert werden. Sollten die gefilterten Zisch-Laute den Threshold-Wert jetzt kaum mehr überschreiten (was gut möglich ist), muss man den Compressor nochmals einstellen, sodass die Gain-Reduction etwas mehr zunimmt, und die Range ca. auf 4 dB erhöhen. Mit diesen Einstellungen sollte der Gesang jetzt wesentlich „befreiter“ klingen. Mission also doch nicht impossible!

 

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